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Das leidige Thema „Beilackierung“

 Ein andauerndes Streitthema bei der Schadenabwicklung ist die Position „Beilackierung“.

Kotflügel Farbunterschied

Kotflügel heller

Glücklicherweise gab es zu dem Thema kürzlich ein BGH Urteil vom 17.09.2019 (AZ VI ZR 396/18) : „die Kosten der Beilackierung sind dann ersatzfähig, wenn sie technisch notwendig sind“.

Der Sachverständige muss im Gutachten feststellen, dass die Beilackierung technisch notwendig ist. Ob sie notwendig ist oder auch nicht, werde ich in dem Artikel darlegen.

Unter Beilackierung versteht man, dass nicht nur das ausgewechselte / reparierte Bauteil lackiert wird, sondern die angrenzenden Bauteile mit einlackiert werden. Das bedeutet, es wird das angrenzende Bauteil am Rand mit den Basislack anlackiert und im zweiten Arbeitsgang mit Klarlack ein Stück weiter lackiert und der Übergang mit Beispritzverdünnung / Spotblender behandelt. So wird ein fließender Übergang zwischen neuer und alter Farbe hergestellt. So entsteht ein fließender Farbverlauf und das menschliche Auge nimmt einen eventuellen Farbunterschied oder Glanzgradunterschied nicht wahr.

Stossfänger dunkler

Stossfänger dunkler

Ohne Beilackierung wird nur das betreffende Bauteil „auf Kante“ lackiert, was einen eventuellen (fast immer vorhandenen) Farbunterschied direkt offenbart (hell / dunkel).

Auch der von den Versicherungen gerne vorgebrachte Einwand, der Lackierer vor Ort müsse das entscheiden, führt in die Irre.

In der Praxis wird der Lackierer nicht erst ein Bauteil lackieren und bei Farbunterschied alles noch einmal mit Beilackierung lackieren. Nachträglich beilackieren funktioniert in der Regel nicht und erfordert noch größeren Aufwand. Bei einem Auftrag ohne Beilackierung wird der Lackierer auf volles Risiko „auf Kante“ lackieren und bei Farbunterschieden dem Kunden das Fahrzeug in einer dunklen Ecke übergeben, den Unterschied schön reden (dunkelt noch nach, Stand der Technik, anderes Untermaterial (Blech / Kunststoff) usw.). Im Zweifel macht er die Arbeit am Ende auf Gewährleistung noch einmal neu (auf eigene Kosten).

Selbst bei Fahrzeugübergabe ohne Farbunterschiede ist der Lackierer ohne Beilackierung nicht auf der sicheren Seite. Über die Zeit kann sich der Farbton durchaus noch verändern und die Farbgenauigkeit zwischen Neu- und Altlack stark auseinander driften.

Seitenteil nachgedunkelt

Seitenteil über Zeit nachgedunkelt

Warum gibt es überhaupt Farbunterschiede?

Allein die Verwitterung des Altlackes ist nicht gesamte Erklärung, auch wenn es einer der vielen Gründe ist.

Hier müssen wir erst einmal festhalten, dass die eigentliche Farbe sich erst im menschlichen Auge zusammensetzt und von jedem etwas anders wahrgenommen wird. Hier spielen die Grundfarbe, Lichtfarbe und Reflexionen eine große Rolle. Das erklärt auch, dass für manche der Farbunterschied nicht auf Anhieb erkennbar ist. Selbst ein elektronisches Ausmessen des Farbtons nähert nur den Farbton an, das Auge entscheidet am Ende ob gut oder schlecht.

Fangen wir mal bei der Werkslackierung an. Hier wird der Lack von Spritzrobotern so effizient wie möglich unter konstanten Temperatur- und Luftfeuchtebedingungen aufgetragen.

Bei Fahrzeugen mit mehreren Produktionsstandorten gibt es auf die Klimazone angepasste Lackmaterialien, verschiedene Lackhersteller / Zulieferer und verschiedene Lackchargen. Hier sind Farbschwankungen schon vorprogrammiert.

Da der Lackierer im Reparaturbetrieb diese Bedingungen gar nicht nachstellen kann, verarbeitet er Reparaturlacksysteme. Dieses ist ein völlig anderes Material als der Werkslack. Die Kunststoffstoßfänger werden übrigens vom Zulieferer mit dem Reparaturlacksystem lackiert und fertig lackiert an das Montageband geliefert. Dies ist meist auch der Grund, warum bei Neuwagen die Kunststoffstoßfänger im Farbton abweichen können.

Mazda Stossfänger dunkler

Mazda Stossfängerverkleidung dunkler

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass mein Nissan (schlichtes Grau metallic) unter der gleichen Lacknummer 25!! Nuancen bereit hält. Möchte der Lackierer sich hier annähern, kann er den Farbton elektronisch scannen und hoffen dass es passt. Besser er lackiert ein paar Musterbleche und wählt danach den richtigen Ton aus. Im Zweifel lackiert er 25 Musterbleche und investiert viel Zeit, die keine Versicherung bezahlen möchte.

Abgesehen von den hier schon beschriebenen Fakten, gibt es noch weitaus mehr Faktoren, die den Farbton beeinflussen.

Die Stellschrauben zur Farbtonveränderung sind unter anderem:

  • Grundierungsmaterial und deren Grundfarbe und deren Schichtstärke / Charge
  • Basislack / Lackhersteller / Schichtstärke / Ablüftzeiten / Charge
  • eventueller Lasurlack (in Wagenfarbe leicht eingefärbt) Lackhersteller / Charge
  • Klarlack / Lackhersteller / Einfärbung (weiß / gelblich / bläulich) / Schichtstärke / Charge
  • Ausrichtung der Metallicpartikel (abhängig von der Spritzrichtung oder eventuell statische Aufladung des Bauteils)
  • liegend oder stehend lackiert (liegende und stehende Flächen)
  • Luftfeuchtigkeit
  • Lufttemperatur
  • der Lackierer selbst

Ich habe an einem Lackseminar teilgenommen. Dort haben 8 Lackierer identische Musterbauteile bekommen. Haben diese in der gleichen Kabine mit der gleichen Pistole mit dem identischen Lackmaterial (aus einem Topf!) nach Vorschrift lackiert. Nach dem trocknen und nach fachlicher Begutachtung hatte man 8 verschiedene Ergebnisse. Hier spielt der Faktor Mensch auch eine große Rolle. Spritzwinkel, Spritzabstand und Schichtdicke sind hier die entscheidenden Faktoren.

Selbst wenn man trotz der hier schon beschriebenen Hindernisse den Farbton einigermaßen hin bekommt, hat man es trotzdem noch nicht in trocknen Tüchern.

Wir sprachen bis jetzt nur von Tageslicht. Farbtonunterschiede gibt es auch durch Metamerien. Das bedeutet, dass sich der Lack unter unterschiedlichen Lichtfarben anders verhält als gewollt.

Praktisches Beispiel: Sie holen Ihr Fahrzeug bei Tageslicht ohne Farbunterschiede beim Lackierer ab. Sie parken in der Dämmerung in Ihrer Straße, die von gelblichen Laternen beleuchtet wird. Sie sehen Ihr Fahrzeug als „Scheckige Kuh“. Sie erkennen den Altlack z.B. dunkler als den neuen Lack. Das bedeutet, das neue Lackmaterial muss sich auch bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen (Tageslicht, bewölkt, Kunstlicht, Neonlicht usw.) genau gleich verhalten. Die Change bei unterschiedlichen Herstellern, Chargen, Lackmaterialien und unterschiedlichen Lacksystemen??

Jetzt kommen wir zu dem natürlichen Verschleiß des Altlackes, den wir kompensieren müssen. Hier spielen Mikrokratzer, Auskreiden, Ausbleichen, UV Einstrahlung und weitere Umwelteinflüsse die entscheidende Rolle.

Selbst wenn ich jetzt den Farbton getroffen habe, wie kann ich sicherstellen, dass der neue Lack im weiteren Verschleiß über die Zeit nicht doch vom Farbton her abdriftet?

Selbst wenn wir an der Stelle feststellen, dass wir den Überlackierer haben und er hat den Farbton auf den Punkt getroffen, wie stellt er das Finish des Lackierroboters nach?

Ab Werk wird der Lack vom Roboter sehr sparsam aufgetragen, was bei Neuwagen fast immer (abgesehen von Premiumfahrzeugen) eine leichte Apfelsinenhaut zur Folge hat.

Der gute Lackierer ist immer geneigt, den Lack „fett“ aufzutragen und erreicht eine sehr glatte Oberfläche. Selbst wenn der Farbton passt, kann man die Neulackierung darüber identifizieren.

Jetzt bitte ich den Leser selbst zu entscheiden, ob eine Beilackierung technisch notwendig ist.

Wie würden Sie z.B. Aussagen der Versicherung werten, das Verbringungskosten und Fahrzeugabdecken nicht anfallen, weil das Bauteil ja einzeln zum Lackierer gebracht wird und einzeln lackiert wird (wie soll der Lackierer z.B. die Nuance herausfinden, von der Beilackierung ganz zu schweigen)?

So lange die Bauteile ohne Trennungen benachbart sind und sich in einer Ebene befinden, ist eine Beilackierung technisch immer notwendig.

Es gibt Farben, die eventuell etwas weniger riskant sind. Da könnte der selbstbewusste Lackierer es ohne Beilackieren probieren. Wenn er sehr gut ist, könnte er Glück haben und es klappt. Wenn es aber nicht klappt zahlt er mächtig drauf und macht die Arbeit noch einmal oder baut darauf, dass der Kunde „blind“ ist und ich das Fahrzeug zwecks Reparaturbestätigung nicht nach besichtige.

Ich muss mich in meinen Gutachten an technische Fakten halten und kann nicht auf das Glück und die Tagesform des Lackierers bauen.

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